Ich freu mich gerade wie verrückt, euch heute den ersten Gastbeitrag hier auf dem Blog präsentieren zu können. Der Autor ist der wunderbare Zummi, dem der aufmerksame Leser vielleicht schon beim ein oder anderen Blogeintrag begegnet ist. Ich kenne keinen Amateurmusiker, der sich im Allgemeinen so gut mit Musik auskennt. Und da ich absolut keinen Plan von Jazz habe, bin ich sehr froh, dass sich jemand anderes dem gestrigen Konzert angenommen hat. Viel Spaß!

„Wann war das letzte Mal, dass du etwas zum ersten Mal gemacht hast?“ Mit Fug und Recht kann ich behaupten: genau jetzt. Denn genau jetzt schreibe ich zum ersten Mal einen Gastbeitrag für einen Blog. Und zwar über letzten Donnerstag. Überhaupt war der letzte Donnerstag ein Tag der ersten Male. Zum Beispiel hat unsere allseits geschätzte Prinzessin letzten Donnerstag zum ersten Mal ein Jazz-Konzert besucht, weswegen sie diesmal mich bat, den Blogeintrag für sie zu übernehmen. Schließlich hatte ich vorher immerhin schon mal einen Artikel über Jazz gelesen. Ein anderes erstes Mal war die Durchführung der vom Augsburger Jazzclub organisierten Jazz Freinacht. Zehn Combos spielten in zehn Locations: einmal Eintritt zahlen, freie Auswahl haben. Was verdächtig nach dem Honky-Tonk-Konzept klingt, das ist es auch. Allerdings waren die Organisatoren so geschickt und haben alle Bands dazu verdonnert, zeitlich abgestimmt drei Sets á 40 Minuten zu spielen, so dass man in der anschließenden halbstündigen Pause bequem die Örtlichkeit wechseln konnte, ohne Angst haben zu müssen, irgendetwas Musikalisches zu verpassen.

Die erste Band, die an diesem Abend auf der Agenda stand, war Uli Fiedlers Trio featuring Walter Bittner im Holbeinhaus. Pünktlich zu Konzertbeginn saß der Autor also in den Räumen des Kunstvereines zwischen moderner Kunst auf knarzenden Plastikstühlen und bereitete sich auf das Zelebrieren von schwierig zu verstehender, komplex aufgebauter Musik vor. Diese skeptische Erwartungshaltung war absolut vergebens, denn man merkt Ulis Eigenkompositionen an, dass sie im Urlaub entstanden sind. Die mit locker, launisch, lustiger Moderation verbundenen Stücke, die von ihm selbst als „akustischer Marktplatzjazz“ tituliert werden, sind mit einer ordentlichen Prise Latin gewürzt, was anfangs nicht so recht in das oben beschriebene Ambiente passen wollte. Das Ganze sorgte jedoch schnell bei der anwesenden Bohème für derbes Jazzer-Headbanging. Soll heißen: Mit verzücktem Gesichtsausdruck und geschlossenen Augen wurde weltvergessen im Takt mitgenickt.
Uli Fiedler wischte, klopfte, trommelte und spielte auf seinem Bass, während er seine wenigen Soli leise mitsang, seinen Bandkollegen viel Raum für deren Entfaltung gab und den Abend einfach sichtlich genoss. Josef Holzhauser komplettierte als einziger Akkordinstrumentalist den harmonischen Rahmen der Stücke, ließ sich aber auch zu dem ein oder anderen genüsslichen Solo hinreissen. Stephan Holstein brachte seine Katze mit, die er auf unterschiedlichste Weise klanglich einsetzte. Für diejenigen, die mit „Peter und der Wolf“ oder klassischer Musik insgesamt nicht so viel am Hut haben: Gemeint ist natürlich eine Klarinette. Schwer zu spielen, weil gerne fiepsig und mit penetrantem Ton, sorgte er für genau den richtigen Soundfarbtupfer in der mit überwiegend düster bemalten Leinwänden ausgestatteten Halle.
Über Walter Bittner, der sein Schlagzeug zwischenzeitlich nahezu zärtlich mit bloßen Händen zum Klingen brachte, müssen zumindest in Augsburg wohl nicht mehr viele Worte verloren werden. Seine Gesangseinlage brachte er denn auch souverän ohne Mikro – das Wort akustisch war durchaus ernst gemeint – vor und komplettierte das Trio auf seine ihm eigene, unaufdringliche Weise perfekt.
Unsere Prinzessin sollte im Anschluss berichten, dass sie in Zukunft eine Klarinette immer mit einem Fahrstuhl und dessen entsprechender Musik in Verbindung bringen wird. Das kann man bei einer als verkopft verschrienen Musikrichtung natürlich entweder als vernichtendes Urteil oder großes Lob interpretieren. Auf jeden Fall war es ein gut hörbarer Einstieg in diese bislang unbekannte Ecke der musikalischen Welt und tat dem Spaß der Musiker auf der Bühne und dem Publikum keinen Abbruch.
Foto: Doris Jungwirth
Uli Fiedler Trio – Foto: Doris Jungwirth
Die Freude am Spielen sah man den Herren des Swinging Guitars Orchestra im Thing wiederum nur begrenzt an. Sie wirkten auf ihrer kleinen Empore in dem gerammelt vollen Laden ein bisschen wie auf einer eigenen, einsamen Insel, ohne eine echte Verbindung zum Publikum aufzubauen. Das Ganze wurde durch die Kneipenatmosphäre mit der entsprechenden Geräuschkulisse noch verstärkt. Warum der Barmann während der Stücke unbedingt einen fünfminütigen Eiswürfelzerkleinerungsmarathon mit seinem Mixer veranstalten musste, wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben.
Die völlig ohne Moderation vorgetragenen Uptempo-Nummern der für diesen Gig mit zwei Gitarren, Kontrabass und Akkordeon angerückten Band hatten besetzungsgemäß starke Anklänge an Django Reinhardt und sorgten trotz der widrigen Umstände denn auch für anerkennenden und vor allem berechtigten Applaus. Woraufhin sich tatsächlich doch das ein oder andere Lächeln auf das Gesicht der Musiker zaubern lies. Schließlich betrat auch eine Sängerin die Bühne und verstärkte die Band bei Titeln wie All of Me und Água de beber. Sicher ist es vermessen, hier Vergleiche mit der Legende Al Jarreau anzustellen, der ja gerade das letztgenannte Stück erst berühmt gemacht und es so stark geprägt hat. Aber einen Chorus herunterzusingen und die restlichen Zeit der Stücke mit rhythmischem Hin- und Herbewegen auf der Bühne zu verbringen, ist für eine Jazzsängerin ganz einfach zu wenig. Hier hätte man die Performance deutlich aufwerten und engeren Kontakt zum Publikum aufbauen können. Schade, denn außer der Bühnenpräsenz gab es, wie schon angedeutet, zumindest am Instrumentalpart wenig auszusetzen.
Weiter ging es im nun eingesetzten Regen vorbei am Trio ZAHG im Piano Volz zu Whispering Grass im Striese. Der Sitzplatz im ersten Drittel des Ladens, während die Band am anderen Ende gastierte, war soundtechnisch natürlich nicht optimal. Denn auch hier sorgte die typische Geräuschkulisse einer Kneipe für eine entsprechend ablenkende Atmosphäre, womit die Performance der Band bei vielen – trotz elektrischer Verstärkung – leider eher in den Hintergrund rutschte. Auf der anderen Seite war diese Sitzpositionen für die weniger erfahrenen Hörer im Bereich Jazz vielleicht gar nicht schlecht, denn hier handelte es sich schon um einen erhöhten Schwierigkeitsgrad. Die Melodielinien hatten nun so gar nichts mehr mit Fahrstuhlmusik zu tun und popgemainstreamte Radiofreunde dürften sich bei der Sängerin häufiger gefragt haben, ob der Ton, den sie gerade von sich gab, tatsächlich ernst gemeint und so gewollt war. An dieser Stelle glaubt der Autor mit gutem Gewissen behaupten zu können: Die Töne waren alle ernst gemeint, genau so gewollt und, ja, auch richtig. Das merkte man nicht zuletzt daran, dass die gesamte Band auf der Bühne einen Heidenspaß hatte und am Ende tatsächlich noch einen Nachschlag geben musste. Nachdem man sich also vom Easy-Listening-Gedanken, der sich im Laufe des Abends weiter aufgebaut hatte, verabschiedet hatte, konnte man hier modernen Modaljazz kennenlernen, den man beim zweiten Hinhören nicht nur ertragen, sondern auch tatsächlich gar nicht mal so schlecht finden konnte. Eigentlich sogar richtig gut. Man muss sich halt auf bestimmte Dinge einfach mal einlassen und das erste Mal wagen.
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Whispering Grass
Alles in allem kann die erste Augsburger Jazz Freinacht durchaus als Erfolg gewertet werden. Sie war gut besucht, wurde musikalisch gut gestaltet, war funktionierend organisiert und hatte darüber hinaus noch die ein oder andere musikalische und örtliche Überraschung parat. Es waren also tolle erste Male, auf die ein zweites Mal unbedingt folgen sollte. Nicht zuletzt, um diesem leider vorurteilsbelastetem Begriff „Jazz“ endlich sein angestaubtes Image zu nehmen. Denn die auftretenden Combos sind eigentlich nichts anderes als tolle Musiker, die unterhalten wollen.
Und dass beim ersten Mal nicht immer alles glatt läuft, merkt man auch daran, dass der Autor vergessen hat, Konzertbilder zu machen. Aber wer verlangt denn auch, dass beim ersten Mal schon alles perfekt sein muss.

2 thoughts

  1. Jazz und eingestaubt! Da müssen viele vielleicht ein wenig an der Performance schrauben und dann würde es eventuell auch wieder ein bisschen bergauf gehen. Für mich ist Jazz ja die beste Form mich auszudrücken…

    Mich würde ja interessieren was die Prinzessin zum „Modaljazz“ gesagt hat. Für nichtkenner schien der ja etwas schwierig zu sein…

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    1. Ich bin auch der Meinung, dass Jazz auf keinen Fall eingestaubt klingen muss. Bei der Jazz Freinacht hat man halt mal wieder sehr gut gesehen, dass viel von der Performance abhängt. Und in der Hinsicht war die letzte Band echt top! Deswegen und auch weil es etwas moderner als die anderen Sachen klang, fand ich den Modaljazz eigentlich ganz gut ;)

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