Am Freitag erschien die August-Ausgabe der Neuen Szene, wo auch wieder ein Interview von mir mit einer ganz tollen Band drin ist. Das von letztem Monat mit meinerm liebsten, verrückten Band Projekt Fräulein Brecheisen, möchte ich euch aber nicht vorenthalten. Ehrlich gesagt, war das wahrscheinlich eines der schwierigsten Interviews, die ich bisher geführt habe. Die zwei sind nämlich in Wirklichkeit und außerhalb dieses Projekts nicht weniger schräg, als sie auf den Fotos wirken. Aber auf ganz wunderbare und liebenswerte Art und Weise. Die Aufnahme des Interviews, die ich noch immer auf meinem Handy gespeichert habe, bringt mich jedes Mal wieder zum Lachen. Ich sag nur: „Oh, ein Eichhörnchen.“


Fräulein Brecheisen ist ein Projekt des Musikers Harald Brecheisen, das ausdrücklich nicht als Band bezeichnet werden soll. Sollte das Fräulein mal wieder unter heftigen Stimmungsschwankungen leiden, kann es schon passieren, dass nicht nur die Musiker sondern auch die Musikrichtung wechseln. Fix dabei sind nur David Jahnke aka Dr. Drexler und Harald Brecheisen alias das Fräulein. Neue-Szene-Redakteurin Ramona Pietsch unterhielt sich mit den beiden über Konzepte, Frauenkleidung und die Weltherrschaft.

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Erst letzte Woche habt ihr auf dem Modular Festival gespielt. Beim Eröffnungsabend wurde für das Konzert Puppet On A String euer Song Tausend Takte Tanzmusik neu arrangiert. Wie war es zur Abwechslung mal von einem Orchester, statt von der eigenen Band begleitet zu werden?
Harald: Fantastisch! Großes Lob an Tilman Herpichböhm für das Arrangement. Es ist natürlich immer wunderbar vor einer ausverkauften Kongresshalle mit einem super Orchester zu spielen.
David: Es war wirklich ganz grandios. Es hat total viel Spaß gemacht.

Welche Schwierigkeiten oder Besonderheiten ergeben sich dabei?
Harald: Schwierigkeiten überhaupt gar keine. Besonderheiten…Riesenpublikum, super Orchester, super Arrangement.

Am Samstag habt ihr dann auf der Seebühne im Park gespielt. Wie war das Publikum? Anders als bei Puppet On A String?
Harald: Jünger, unglaublich motiviert und tanzwütig.

Dank dem Biennalekonzept der Stadt Augsburg findet das Modular Festival nur alle zwei Jahre statt. Wie steht ihr dazu?
David: Das Biennalekonzept halte ich persönlich – als Fräulein – für total schwachsinnig. Denn auch für die Veranstalter ist es einfach so, dass man aus dem Booking-Raster für Festivals rausfällt, weil es nur alle zwei Jahre stattfindet, und es ein bisschen schwieriger ist, bekanntere Bands zu bekommen. Ich finde, dass die Stadt Augsburg für die Jugend viel mehr machen müsste. Und deswegen sollte das Modular jedes Jahr stattfinden. Also dieses Konzept, dass ja noch auf die Kappe von Peter Grab geht, halte ich für ziemlich schwachsinnig. Und wenn die Stadt zu wenig Geld hat, dann frage ich mich, warum andere Festivals jedes Jahr stattfinden. Und warum die Stadt Augsburg, die genügend Geld hat für diverse andere Projekte, dann nicht mehr in die Jugend investiert.

Zurück zu Fräulein Brecheisen: Wenn man sich eure Songs anhört oder euch live auf der Bühne sieht, wird schnell klar, dass das Fräulein eher speziell ist. Was für ein Mensch ist das Fräulein Brecheisen?
Harald: Extrem schizophren und hochgradig depressiv. Es leidet unter Stimmungsschwankungen.
David: Auf jeden Fall total krank im Hirn.

Bei euren Konzerten droht das Fräulein auch mal damit alle im Raum zu erschießen, wenn sie nicht sofort tanzen. Ist das ernst gemeint? Muss man vor dem Fräulein Angst haben?
David: Das Fräulein ist das netteste Wesen, das überhaupt rumspringt. Man muss vor dem Fräulein überhaupt gar keine Angst haben. Das Fräulein würde nie jemanden erschießen.

Aber warum droht es dann damit?
Harald: Doch, doch. Man muss enormst Angst haben vor dem Fräulein Brecheisen. Wer nicht tanzt, wird erschossen.

Ihr seid euch über das Konzept noch nicht ganz einig, oder?
David: Es gibt kein Konzept. Wir haben uns keine Gedanken gemacht, wie man das ausschmückt. Ich bin auf der Bühne, wie ich da eben bin. Ich hab das teilweise auch nicht unter Kontrolle. Das muss aus mir raus. Ich hab dann gerade Bock drauf und dann passiert es halt.

Was ich noch nicht ganz verstanden habe: Harald, eigentlich bist ja du das Fräulein. Warum steht trotzdem David bzw. Dr. Drexler in Frauenklamotten, mit Nachthemd, Strumpfhose und Lippenstift auf der Bühne und nicht du selbst?
David: Das hat sich so ergeben. Als ich den Namen Fräulein Brecheisen gehört habe, war für mich sofort klar, dass ich Frauenkleider tragen muss.
Harald: Mein Glitzerfummel ist aber auch nicht schlecht. Allerdings stehen Dr. Drexler die Frauenklamotten viel besser.

Wo habt ihr die ausgefallenen Klamotten her?
David: Von der Augsburger Dult – das Paradies für Omaklamotten.

Wie kann man den Kleidungsstil des Fräuleins beschreiben?
Harald: Super-Oma-Hipster-Beachies-Queen-Style.
David: Asozial extravagant.

Ist es dir nicht unangenehm in Frauenklamotten auf der Bühne zu stehen? Oder dich während dem Konzert auszuziehen? Das gehört bei euch ja schon zum Programm.
David: Nein, es ist mir nicht unangenehm. Weil mir das egal ist. Ich steh drauf, ich bin halt eine Rampensau.

Fräulein Brecheisen sind ja nicht gerade wenige. Für manche Konzerte holt ihr euch sogar noch zusätzlich Musiker und Sänger mit auf die Bühne. Wie oft probt ihr und wie schafft ihr es, alle unter einen Hut zu kriegen?
Harald: Der Hut ist klein und es gibt nur eine Probe pro Konzert.

Für mich hört sich eure Musik – wenn man mal vom Text absieht – nach 80er Jahre Discopop an. Wie würdet ihr Fräulein Brecheisens Musik beschreiben?
Harald: Fuckadelic Dancemusic.

Welche Musiker oder Stilrichtungen beeinflussen euch am meisten?
Harald: Alles…und keiner.

Was vor allem auch auffällt, ist, dass ihr keine stinknormalen Liebeskummersongs spielt. Was wollt ihr mit euren Songs erreichen?
David: Wir wollen die Leute zum Nachdenken anregen. Wenn das noch mit tanzbarer Musik zusammen funktioniert, ist das super. Ich kann die Liebeskummerschmalzen langsam nicht mehr hören. Die ganzen Befindlichkeiten, wo die Texte nur um sich selbst kreisen. Ich kann das nicht mehr ertragen. Davon gab es in den letzten Jahren zu viel.
Harald: Im Endeffekt geht es darum: Wenn du willst, denk nach.

Ist Augsburg bzw. Deutschland bereit dafür?
Harald: Augsburg interessiert uns eigentlich nicht.
David: Augsburg interessiert uns natürlich schon. Hier funktioniert es ganz gut und die Weltherrschaft ist dann das Nächste. Man muss ja irgendwo anfangen.

Das Fräulein strebt also schon nach Weltherrschaft?
Harald: Natürlich, Weltherrschaft wir kommen.

Zurzeit arbeiten Fräulein Brecheisen zusammen mit Michael Kamm an ihrem Debütalbum, das höchstwahrscheinlich Super Grattler heißen soll und beim Augsburger Label In Gute Hände erscheint. Sicher ist das aber noch nicht – hängt wohl ganz von den Stimmungsschwankungen des Fräuleins ab.

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