Gestern war ich nun also auf dem Stadtschall Festival in Schrobenhausen – dieser Kleinstadt, in der ich geboren, aufgewachsen und ganze 20 Jahre lang gelebt habe. Es war toll, aber es war auch etwas merkwürdig mal wieder in der Heimat unterwegs zu sein. In Schrobenhausen war ich abends schon lange nicht mehr weg. Auch bevor ich weggezogen bin nur noch sehr selten. Denn seien wir doch mal ehrlich: in dem Kaff ist einfach nichts los! Und nein – die Rockparty im Dorf 7 km weiter zählt nicht!

Früher wollte ich immer unbedingt von hier weg. Jetzt wo ich nicht mehr hier wohne, möchte ich, dass sich das wieder ein bisschen mehr wie meine Heimat anfühlt. Das tut es aber nur noch bedingt. Anscheinend passe ich einfach nicht mehr hier rein. Da sind diese vielen jungen Leute in meinem Alter, denen genau ins Gesicht geschrieben steht, dass so ein Kneipenfestival wie das Stadtschall deren Highlight des Jahres ist. Und dann trauen sie sich doch nicht so recht und stehen beim Konzert fünf Meter von der Bühne weg. Die einzige Bewegung ist ein Kopfnicken. Wenn man Glück hat im Takt. Hach. Das Festival war schön und auch sehr liebevoll gestaltet. Aber hey, da draußen gibt es noch so viel mehr! Sowas macht mich wirklich traurig.

Andererseits gibt’s da auch noch die Sorte Mädels, die das mega feiern und sich für die Coolsten halten, wenn ihnen der Sänger der Rockband (die sie bis vor fünf Minuten eh noch nicht kannten) von der Bühne runter eine Flasche Bier entgegenstreckt und sie mit ihm anstoßen dürfen. Danach drehen sie sich um und verziehen ihr Gesicht zu einer Grimasse, die in etwa ausdrücken soll: „Oh mein Gott, der Wahnsinn! Habt ihr das gesehen?!“ Wenig später ist sie wahrscheinlich als sein Groupie mit ihm im Bett gelandet oder hat beim nächsten Konzert genau die gleiche Show wieder abgezogen. Mädel, ich konnte dich noch nie leiden. Noch nicht mal als du vor ein paar Jahren das Schrobenhausener Christkindl warst.

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So. Das wollte ich nur mal gesagt haben. Genug ausgekotzt. Eigentlich wollte ich ja übers Festival schreiben.

  • William’s Orbit war die erste Band, die ich sehen wollte, und spielte am frühen Abend beim Sig. Gegen halb sieben hab ich mich also mit dem Fahrrad dorthin auf den Weg gemacht (Jap, nach einer kleinen Diskussion mit meinen Eltern durfte ich doch mit dem Rad fahren). Im Lindenkeller war ich vorher erst ein oder zweimal. In meinen Erinnerungen war das eine versiffte, dunkle Kneipe. In Wirklichkeit sieht es da aber ganz gemütlich aus. Mit Vasen voll getrockneter Blumen und vergilbten Fotos an den Wänden. Die Bühne war trotzdem etwas arg klein oder die Band einfach zu groß. Auf jeden Fall musste der Keyboarder mit all seinen Synthies neben dran und eine Stufe tiefer Platz finden. Der Sänger erinnerte mich ziemlich stark an Jared Leto von Thirty Seconds to Mars. Die Musik…hm, geht in die selbe Richtung, ist aber etwas ruhiger. Schöner Indie-Rock eben.

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  • Nach dem Konzert musste ich dann erst mal meine Mama anrufen und sie bitten, mir das andere Kameraobjektiv kurz vorbei zu bringen. Ich hab mir nämlich für den gestrigen Abend die Spiegelreflex meiner Schwester ausgeliehen und leider das Teleobjektiv eingepackt, was für die kleinen Konzerte absolut ungeeignet war. Ramona und Technik…Die Fotos selbst sind auch noch nicht der Burner, aber ich arbeite daran.
  • Das nächste Konzert fand in der mit Abstand schönsten Location des ganzen Abends statt. Das Herzog Filmtheater ist ein altes Kino, in dem nur noch wenige Filme laufen. Für die Singer-Songwriter mit ihren Gitarren bot es aber das perfekte Ambiente. Als erstes stand dort Stumfol auf der Bühne, der Songs über Fernbeziehungen und welche über Leute, die bei Konzerten zu viel und zu laut reden, singt. In den flauschigen Kinosesseln war es so gemütlich, da hätte ich ewig seiner Musik und seinen so ehrlichen und witzigen Ansagen lauschen können. Und wie schön das war, als er einen Schritt vom Mikro weg ist, seine Stimme leiser wurde und im Saal plötzlich keiner mehr auch nur einen Mucks gemacht hat.

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  • Doch ich musste weiter. Im Heimat² verzauberte Isabelle Pabst mit großen Rehaugen und ihrer Musik, die sie selbst Soul-Fetz nennt, das Publikum. Ich bin genau zu To A Tadpole ins Lokal gestolpert, der Song, den sie auch bei Puppet On A String beim Modular Festival gesungen hat. Das klang ganz arg nach Jazz. Für den Moment war mir das zu ruhig, zu instrumental. Also bin ich bald wieder weiter.

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  • Im Zoom, Schrobenhausens Juze, fand zu dem Zeitpunkt das absolute Kontrastprogramm statt. Illegale Farben rockten das dunkle Kellerloch, in dem ich zuvor nur einmal zu irgendeiner peinlichen Faschingsveranstaltung war. Ist Gott sei Dank schon ewig her und sozusagen verjährt. Auch wenn ich normalerweise nicht solche Musik höre, hat mir das laute und leicht punkige in dem Moment doch ganz gut gefallen.

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  • Übrigens hatte ich gestern zum ersten Mal meinen neuen und super tollen Gehörschutz dabei. Wahnsinn! Nie mehr ohne!
  • Im Anschluss bin ich nochmal ins Kino zu David Hope, wo es diesmal gerammelt voll war. Der Ire macht klassische Singer-Songwriter-Musik mit einem kleinen Hang zum Country. Ein großer, bärtiger Mann, der doch mit recht wenig den ganzen Raum füllen kann.

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  • 22 Uhr – der Höhepunkt des Abends. Zumindest meiner. Adulescens spielten auf der OpenAirStage am Rathausplatz. Auch wenn ich schon vorher wusste, dass bei dieser Band der Drummer singt und es keinen typischen Frontman gibt, war es ungewohnt. Im ersten Moment checkt man einfach nicht wer denn da überhaupt singt, vor allem da sich das Headset kaum vom Bart abhebt. Das scheint nun auch die Lösung zu sein, um nicht das komplette Schlagzeuggeballer auf dem Gesangsmikro zu haben, wie mir die Band vor Kurzem im Interview für die Neue Szene erzählt hat. Der Indie-Electro-Pop-Sound mit den vielen Instrumentalparts und wenig Gesang war einfach sensationell. Komplett in Schwarz gekleidet und mit jede Menge Nebel waren die Jungs auch ganz schmuck anzusehen. Das Publikum hat trotzdem arg geschwächelt. Ach Schrobenhausen…

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  • Den letzten Act, den ich noch mitbekommen habe, war The Fume, die extra für diesen einen Auftritt aus Schweden angereist sind. Die Musik war mir aber zu viel Krach, die Stimme des Sängers zu kreischend. Also hab ich mich aufs Fahrrad geschwungen und bin nach Hause geradelt. Gott war das kalt. Ganz kurz hab ich mir gewünscht, meine Mama hätte mir doch nicht erlaubt mit dem Rad zu fahren.

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6 thoughts

  1. Sehr schön geschrieben! Vor allem der Anfang zwischen „Kaff-Land-Flucht“ und Groupie-Getue gefällt mir richtig gut! Bei letzterem musste ich sehr schmunzeln :)
    Aber Williams Orbit – zu denen du doch unbedingt hin wolltest – hat dir nicht so gut gefallen, oder? Zumindest les ich keine Begeisterung raus. Vor kurzem haben die auch hier in Bamberg gespielt und da war es irgendwie so naja. Aber kann auch an der Atmosphäre (Jazz- und Blues-Festival, Biertischgarnituren und Null-Tanzfläche gelegen haben.

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    1. Der recht persönliche Anfang musste einfach sein. Freut mich, dass er so gut ankommt. Ich hatte schon Befürchtungen, es wäre zu heftig :)
      Doch, William’s Orbit fand ich eigentlich schon sehr gut. Hab das wohl irgendwie vergessen zu erwähnen :D schade, dass sie dir nicht so gefallen haben. Aber das hört sich leider auch nicht nach dem richtigen Festival für so eine Band an.

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