Bei der letzten Bedroomdisco war die Band A Forest zu Gast. Deren Projekt „I Am A Forest“ wirft so ziemlich alles Gewohnte im Musikbusiness über den Haufen. Das finde ich gut und auch sehr interessant. Darum hab ich mich vorm Konzert mit Sänger Fabian Schuetze genau darüber unterhalten. Auch über ihr Label Analogsoul, den Film „Freiheit, Freiheit, Wirklichkeit“ und nicht zuletzt ihre Musik. Ich war überrascht, was für ausführliche Antworten er mir gegeben hat. Und schon währenddessen etwas besorgt darüber, wie lang ich daran sitzen werde, um das alles abzutippen – but that’s another story…

Mit eurem Projekt „I Am A Forest“ wollt ihr den Entstehungsprozess von Musik und auch die Art und Weise wie man sie konsumiert verändern und transparenter machen. Hat sich euer eigenes Handeln und Arbeiten, was die Musik betrifft, dadurch stark verändert?

Sowas funktioniert sehr langsam. Man kann sich sowas natürlich vornehmen, aber das ist ein Prozess. Wir machen alle seit ungefähr zehn Jahren Musik und es ist dann schwer aus seiner Komfortzone rauszukommen. Aber es ist tatsächlich so, dass wir zumindest ein kleines Ziel erreicht haben. Nämlich ein bisschen wegzukommen von diesem Albumfokus, dass man alle zwei Jahre eine Platte macht und sich alles so krass auf diesen Zeitpunkt ausrichtet. Und wir wollten ja eigentlich mehr Fluss haben, weil wir arbeiten die ganze Zeit und wollten das auch abbilden. Und das hat auch funktioniert. Dass es so ein bisschen den Druck raus nimmt: jetzt das nächste Album, die nächste Single! Wir haben halt gesagt, wir machen Musik und immer wenn wir das machen, wenn wir ein kleinen Zwischenstand haben, dann zeigen wir das auch den Leuten ohne den Druck zu haben, dass das jetzt alles ist wovon unser Leben abhängt.

Wenn ihr Musik von anderen Bands hört, nehmt ihr das jetzt anders wahr oder betrachtet das in einem anderen Licht?

Durch das Projekt nicht, aber als Musiker hört man natürlich ganz anders Musik. Wahrscheinlich. Ich hab jetzt selbst nicht den Vergleich zu jemanden, der selbst keine Musik macht. Aber es gibt zum Glück immer noch Musik, die man so ganz ohne Kopf hören kann, einfach weil sie einen emotional ganz krass anfasst. Egal auf welchem Gefühlszustand das ist, wo man abgeholt wird. Das kann auch happy Musik sein, wo dann der Kopf ausgeht. Aber klar hört man dann schon immer: ah, das haben die so gemacht, ah krass der Sound, wie ist das gemacht. Man denkt natürlich über ganz andere Sachen nach. Mit der Zeit nimmt das auch eher zu, weil man natürlich immer kritischer wird und immer mehr Wissen hat, wie Musik funktioniert.

Habt ihr auch schon Veränderungen von außen festgestellt? Also wie eure Fans z. B. das Projekt aufnehmen und umsetzen?

Total! Ein Ziel war, die Hürden abzubauen. Stück für Stück. Wir wollen, dass die Musik gehört und weiter verbreitet wird. Das sagen ja alle, aber wir haben dann auch gesagt: Okay, da muss man dann auch so konsequent sein, die Hürden dafür so weit wie möglich einzureißen. Und z. B. auch auf der Tour ein digitales Album als Pay-What-You-Want nach dem Konzert mitnehmen können. Man bezahlt wirklich so viel wie man möchte. Und wir gucken auch nicht schief, wenn jemand nur 1 Euro reinwirft. Weil wir wollen, dass es Spread gibt. Und das haben wir auch ganz massiv gemerkt. Auch die Tonträger und die Konzerte zu einem Preis anzubieten, wo dann nur noch möglichst wenig Leute sagen: Boah, die Kohle hab ich nicht. Ich kann jeden verstehen, der sagt, die 25 Euro für ein Konzert…dafür reicht mein Geld nicht, weil ich ein scheiß Job hab und mir das nicht leisten kann. Und das möchte ich eigentlich nie hören! Das liegt mir sehr am Herzen, dass jeder die Musik mitnehmen kann. Vielleicht nicht in der Deluxe-Vinyl-Version, aber so dass sie jeder besitzt und hört.

Habt ihr dadurch auch schon mal stark negative Kritik bekommen, die ihr sonst vielleicht nicht erfahren hättet? Oder andersrum: auch schon sehr schöne Sachen mitgeteilt bekommen?

Es gab wenig nevatives Feedback, aber es gibt ein paar Angriffspunkte beim Projekt, die ich auch legitim finde, die ich zumindest verstehen kann. Ich kann z. B. verstehen wenn jemand aus dem bösen, fiesen Musikbusiness sagt, dass ihm das nicht passt. Weil ich nämlich ganz transparent sage, wie Dinge funktionieren, wie sich Preise zusammen setzen. Das gefällt nicht jedem. Oder dass mal eine Stimme kommt: „Das ist nur Marketing.“ Vielleicht auch weil die Idee nicht ganz durchstiegen wurde, weil wir sie auch kompliziert gemacht haben und das Thema etwas komplex ist. Klar, sowas kommt, aber das Positive überwiegt stark. Wir haben viel mehr Kontakt zu den Leuten als vorher. Viel mehr Gespräche und nicht nur nach dem Konzert „War cool“, was immer kommt. Das hilft einem ja nicht großartig weiter. Was cooler ist, wenn jemand sagt: „Ich hab das die ganze Zeit über verfolgt und ich hab jetzt nochmal folgende Nachfrage dazu.“ Das ist ein Gespräch über das ich mich einfach mega freue. Und das passiert ganz oft. Oder dass die Leute sagen, dass sie jetzt mehr Bewusstsein dafür haben, was der Unterschied zwischen dem CD kaufen bei mir nach dem Konzert oder dem Bestellen auf Amazon ist. Also was für Rattenschwänze das hat. Ich will niemanden verbieten, Sachen auf Amazon zu kaufen – weil ich das auch mache und das äußerst bequem finde – aber so ein Bewusstsein zu schärfen, was man damit halt auch tut.

Glaubt ihr, dass ihr in der Hinsicht sowas wie Vorreiter seid und andere Bands das auch übernehmen?

Ich hoffe es!

Aber in der Richtung ist noch nichts passiert?

Nee. Ich glaube, dass das schon eine Bewegung ist, die ganz viel Kraft hat und lange dauern wird. Wir sind ja heute auch an einem Ort, der das zeigt. Sowas wie Bedroomdisco-Konzerte, ein Off-Space, privates Engagement, plus einen Eintritt quasi Pay-What-You-Want und man kommt zusammen wegen der Musik, ist ja auch genau das was ich eigentlich mit der Band in einem anderen Bereich mache. Das sowas Erfolg hat und sich eine Bewegung etabliert hat von Konzerten solcher Art, spricht dafür, dass es mehr gibt als Arena und fiese Ticketpreise und fiese Ticketgebühren und dass das hier genauso wertvoll ist. Dass sich der Wert von Musik nicht über den Preis misst oder den Erfolg, den ein Produkt hat.

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Ihr seid ja auch Teil eures Labels Analogsoul. Dadurch überschneiden sich ja quasi die Bereiche Band und Label. Macht das die Arbeit auf der einen oder anderen Seite schwieriger oder einfacher?

Das hat ganz klare Vorteile, die heißen Kontrolle, kurze Wege, flache Hierarchie, niemanden fragen müssen, selbst sein Projekt durchführen können und die Möglichkeiten dafür zu haben innerhalb einer erweiterten Familie zu arbeiten und überall Experten sitzen zu haben, die man lange kennt und die man schätzt. Hat aber natürlich ganz klar den Nachteil, dass man extrem viel Arbeit hat. Das ist aber glaube ich das Problem eines jeden Selbstständigen. Das nimmt man aber gerne in Kauf, weil man weiß, ich arbeite den Euro, den ich gerade erwirtschaftet habe, niemand anderen in die Tasche außer mir. Ich weiß genau, was ich dafür gemacht habe und wie viel Schweiß und Tränen da drin stecken. Das macht halt diesen Euro wertvoller.

Aber habt ihr nicht die Befürchtung, dass ihr euch auf dem Label selbst bevorzugt behandelt?

Nein. Analogsoul darf man nicht als klassisches Label sehen. Analogsoul ist sowas wie eine Plattform für einen Kreis von Leuten, die es möglich macht, dort selbst Projekte zu verwirklichen. Und wenn eine andere Band auf dem Label sagt, sie möchten jetzt eine Veröffentlichung machen, dann sind die auch ihre eigenen Projektleiter und führen das komplett durch. Analogsoul bietet quasi die Tools, das möglich zu machen. Die greifen auf meine Resourcen zu, wenn sie das möchten. Oder auf die von anderen Leuten im Netzwerk. Und so entsteht gar nicht die Situation, dass sich jemand um etwas mehr kümmert. Natürlich kümmere ich mich um mein Projekt, aber ich buche auch Konzerte für andere Leute, die mich halt gefragt haben und deren Schaffen ich für herausragend halte. Das sind klar abgesteckte Bereiche und auch getrennt. Klar schallte ich mehrmals am Tag den Schalter um und begebe mich in eine neue Rolle hinein. Mal bin ich der Booker von einer Band, dann zwei Stunden später bin ich der Veranstalter eines Konzerts oder fahr abends zum Konzert und steh selbst auf der Bühne. Aber ich leite kein Label, sondern arbeite mit vielen Leuten in einem Netzwerk zusammen, in dem ganz viele unterschiedliche Projekte realisiert werden.

Ich bin ja schon gespannt auf den Film, den ihr mitgebracht habt. An dem habt ihr ja auch selbst mitgearbeitet und im Prinzip erzählt er ja auch von eurer eigenen Situation als Musiker. Habt ihr dadurch vielleicht auch selbst eine andere Sicht auf die Dinge bekommen?

Ja, weil man im Alltag nie dazu kommt, das großartig zu hinterfragen was man macht. Der Film war dann so ein Anstoß, dass Fragen gestellt wurden, die ich mir schon lange nicht mehr gestellt habe. Dann schaut man natürlich von außen auf sich selbst drauf und guckt auch ganz genau, was man da so macht. Klar, erschrickt man sich auch mal oder freut sich über was anderes. Als wir den Film dann gesehen haben, dachten wir schon so: Krass! Das ist ein wichtiger Aspekt und der kommt in unserem Alltag gar nicht wirklich vor und der Film hat das hervorgebracht. Sich Gedanken zu machen über Geld, Krankenversicherung bezahlen, Miete bezahlen, was ist in fünf Jahren…all solche Fragen. Wenn es gut läuft und alles cool ist, stellt man sich solche Fragen auch gar nicht.

Habt ihr daraus auch Konsequenzen gezogen?

Nee, keine massiven Konsequenzen. Weil – auch das erzählt der Film dann relativ deutlich – keiner auch nur im Entferntesten auf die Idee kommen würde, etwas grundlegend an seiner Situation zu ändern. Also einen Büroberuf zu ergreifen oder sich anstellen zu lassen oder sowas. Aber was so in den letzten Jahren passiert ist, weil mit Anfang 20 fährst du ja nur durch. Wenn man dann 30 wird, kommt man schon so an den Punkt (und das war auch zum Zeitpunkt vom Film), dass man sich Gedanken macht: Was will ich in zehn Jahren machen? Wie bau ich meine Strukturen auf, dass ich in 20 Jahren noch Musik veröffentlichen kann, wenn ich das möchte. Und wir alle glauben, dass wir das dann noch möchten.

Eure Musik ist schwer zu beschreiben, irgendwie arg anders – zumindest finde ich das. War das von Anfang an so geplant, dass ihr etwas ganz Anderes machen wolltet, das nicht total mainstream ist? Oder ist das einfach so passiert?

Die Musik entsteht aus der Konstellation der beteiligten Personen auf einen ganz natürlichen Weg. Weil da jeder so sein Ding mitreinbringt und da ensteht halt was. Das wird auch nicht großartig vorher diskutiert, weil so Sachen wie Genre natürlich unausgesprochen klar sind und man ja auch weiß, was der andere macht. Und es ist auch unausgesprochen klar, dass wir jetzt nicht die mega Popproduktion durchfahren, auch wenn wir das vielleicht könnten. Das Projekt ist nicht dafür da, sondern das ist tatsächlich ein krasses Herzblutding von allen, die heute Abend auf der Bühne stehen. Auch vom Team drum rum. Techniker, visuelle Umsetzung, Konzepter, Projektleiter, alle möglichen Leute, die daran beteiligt sind. Und das ist exakt die Musik die wir machen wollen ohne uns darüber Gedanken gemacht zu haben. Und dann kommen halt die Einflüsse aus Electronica, weil man das auch privat konsumiert. Oder dann bringt der eine ne HipHop-Sozialisation aus seiner Jugend mit. Und Friedemann hört halt bestimmte Schlagzeuger am liebsten spielen und dann kommt halt das bei raus.

Facebook: https://www.facebook.com/aforestmusic
Website: http://iamaforest.com/

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