Über die Bedroomdisco hab ich ja schon öfter was geschrieben. Doch bestimmt fragen sich manche, was das genau ist bzw. wer dahinter steckt. Für die Januar-Ausgabe der Neuen Szene hab ich einen Artikel darüber geschrieben, den ihr jetzt auch hier lesen könnt.

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Stell dir vor, in deiner Stadt werden Konzerte veranstaltet. Mit richtig guten Musikern. An einem geheimen Ort. Es ist kein Club und keine Bühne. Keiner weiß wo. Bis auf ein paar Leute die ausgelost wurden, dabei zu sein. Redakteurin Ramona Pietsch ist dem Geheimnis auf die Spur gegangen.

Bedroomdisco. Ein Schelm wer dabei an etwas Unanständiges denkt. Nein, ganz im Gegenteil. Die Augsburger Bedroomdisco findet nämlich weder im Schlafzimmer statt, noch ist sie eine Disco. Vielmehr handelt es sich um eine Konzertreihe in Off-Locations und privaten Wohnzimmern. Daher Bedroomdisco. Klingt halt besser wie Livingroomconcert. Der Name sowie das Konzept dahinter stammen ursprünglich von Dominik Schmidt, der 2011 die erste Bedroomdisco in Darmstadt veranstaltete. Mittlerweile gibt es in mehreren deutschen Städten Ableger, z. B. in Berlin, Hamburg, Nürnberg und eben auch Augsburg.

Hier übernehmen die Organisation die beiden Singer-Songwriter Benni Benson und Der Herr Polaris, die in der Augsburger Musikszene längst keine Unbekannten mehr sind. Letzterer spielte vor gut drei Jahren selbst bei der Bedroomdisco in Darmstadt. Genau ein Jahr später war er nochmal dort zu Gast. Überzeugt von dem Konzept, nahm er die Idee mit nach Augsburg.

„Die erste Bedroomdisco war damals mit Kalle Mattson in Der Metzgerei. Die haben wir noch mehr oder weniger öffentlich gemacht“, erinnert er sich. Hinter dem Ganzen steckt nämlich ein ausgeklügeltes Konzept. Spontan zum Konzert gehen ist in dem Fall nicht. Nur wer sich per Email anmeldet und danach ausgelost wird, erfährt an welchem geheimen Ort die Bedroomdisco stattfindet.

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Das Auslosen machen die zwei tatsächlich noch per Hand. Namen auf Papier, ausschneiden, zusammen falten, in eine Dose, durchmischen und dann wird gezogen. „Wir müssen aber auch immer ganz schön rechnen, da viele noch jemanden mitbringen und sich dann z. B. mit +2 oder +5 anmelden“, sagt Benni Benson. Die beiden bekommen mittlerweile bis zu 90 Anmeldungen pro Konzert. Leider ist der Platz jedes Mal begrenzt.

Doch eine Anmeldung lohnt sich immer. „Wir laden nur Musiker zur Bedroomdisco ein, bei denen wir beim ersten Mal Anhören so eine Art Flashmoment haben und dann sagen ‚Boah, die müssen wir unbedingt haben!‘“ Viele Leute vertrauen den beiden blind und kommen immer wieder. So z. B. auch Jalda und Theresa, die beide schon öfter dabei waren und zur Bedroomdisco mit Martin Kohlstedt im Dezember noch Freunde mitgenommen haben. Das Konzert fanden sie außerordentlich gut. „Das auf der Dachterrasse damals war aber auch cool“, meinen die beiden. Vom Konzept scheinen alle begeistert zu sein. Auch Timo und Marius finden, dass es aufregend und mal was anderes sei, wenn der Ort geheim gehalten wird.

Neben Wohnzimmern bevorzugen Benni Benson und Der Herr Polaris vor allem die sogenannten Off-Locations. Also Orte die einem ohne die Bedroomdisco höchstwahrscheinlich verborgen bleiben würden. Neben Bandproberäumen waren bisher schon kleine Kirchen oder auch eine Generatorenhalle im alten Straßenbahndepot dabei. Auf der Suche nach geeigneten Räumen werden die beiden oft von der Popkulturbeauftragten Barbara Friedrichs unterstützt. „Auch Julia, die sich um die Finanzen kümmert, und Maria helfen immer mit. Und Andi kümmert sich um die Technik. Wenn eine ganze Band einfällt, wären wir ohne ihn komplett überfordert.“
Verdienen tut daran außer den Künstlern niemand was. Alle machen das komplett umsonst. „Leider Gottes wie so oft in der Musikbranche ein wirtschaftlicher Totalschaden“, meint Der Herr Polaris lachend. „Wir machen das aus reinem Idealismus.“

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Der Augsburger Clubszene wollen sie dabei nicht quer schießen. Deswegen finden an den typischen Ausgehtagen Freitag und Samstag nie Konzerte statt. Viel wichtiger ist ihnen, dass sie den Künstlern bessere Konzerte bieten, als sie sie selbst teilweise schon erlebt haben. „Wir haben – das muss man ganz ehrlich sagen – auch schon viele Scheißgigs gespielt. In irgendwelchen Cafés, wo es keinen interessiert, wenn da jemand sein Herz ausschüttet. Genauso war ich auch hier in Augsburg schon auf Konzerten, wo die Leute einfach nicht zugehört haben“, erzählt Benni Benson. „ Deswegen dachten wir uns: Wenn wir so was machen, dann wollen wir dem Künstler ein Publikum bieten, das Bock auf ihn hat.“ Dass sich die Musiker wohl fühlen, ist quasi ihre Philosophie. Es gibt immer selbstgekochtes Essen und auch ein Raum als Rückzugsort für die Musiker ist ihnen wichtig. Nicht selten übernachten diese sogar bei den beiden Organisatoren Zuhause.

So viel Aufwand zahlt sich aus. Mittlerweile hat sich rumgesprochen, dass es bei der Augsburger Bedroomdisco ziemlich cool ist. Martin Kohlstedt kam nämlich über Fabian Schuetze, der mit seiner Band A Forest schon selbst bei der Bedroomdisco zu Gast war, nach Augsburg. Dass sie dabei in der Regel für weniger Geld spielen wie bei „normalen“ Konzerten, ist eigentlich jedem egal. Vielmehr machen sie es, weil es einfach toll ist.

Die Gage wird ganz in Wohnzimmerkonzert-Manier über einen Hut gesammelt, der am Ende durch das Publikum geht und jeder so viel spendet, wie er möchte. „Der Betrag geht zu 100 Prozent an die Künstler“, verspricht Benni Benson. Über eine zu niedrige Gage hat sich bisher noch niemand beschwert. „Mir hat es total gut gefallen. Die Leute sind der Hammer. Man muss sie nicht erst überzeugen“, schwärmt Martin Kohlstedt. „Man bekommt sofort eine viel engere Bindung. Es ist auch so schön familiär und exklusiv, da es nicht kommerziell offen ist. Als Künstler fühlt man sich einfach wohl!“

Für das Jahr 2016 haben Der Herr Polaris und Benni Benson schon die ein oder andere Band im Auge. Josh aus der Schweiz würden sie gern mal nach Augsburg holen. „Oder die Mädels von Boy“, verrät Der Herr Polaris. Nur wären die leider schon zu bekannt für ein kleines Bedroomdisco-Konzert. Wobei sich die zwei mit Miss Kenichi, Paper Beat Scissors und Aidan Knight eh schon ihre größten Wünsche erfüllt hätten. Ein paar mehr Dachterrassen und Kirchen würden sie sich allerdings für das neue Jahr wünschen.

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Alle Infos zur Augsburger Bedroomdisco gibt‘s auf Facebook unter http://www.facebook.com/bedroomdiscoaugsburg. Mit einer Email an anmeldung@bedroomdisco.de kann man sich zum Newsletter oder dem nächsten Konzert anmelden und tolle Locations oder das eigene Wohnzimmer als Veranstaltungsort anbieten.

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